Antike Mischwesen und moderne Gentechnik – eine Übersetzung des Aristoteles als Grundlage der Interpretation – Donald John Trump als ein zweiter C. Iulius Caesar – Liebe und Rollenbilder bei Ovid und bei uns heute
Sie haben richtig gelesen: ein vielfältiges Angebot unterschiedlichster Vorträge ließ beim Certamen Franckianum 2024/2025 in seinem 29. Jahr eine große Vorfreude auf die Endrunde im Oberstufenwettbewerb entstehen.
Doch bevor ich zum Wettbewerb der „Großen“ komme, lassen Sie mich zuerst einen Blick auf die Wettbewerbe der Unterstufe und der Mittelstufe werfen – auch hier haben sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer große Mühe gegeben und tolle Arbeiten eingereicht.
Certamen puerile
In diesem Wettbewerb nehmen Schülerinnen und Schüler der Klassenstufen 5 bis 8 (Lateinunterricht ab Schuljahr 5 bis 7) und Schüler der Klassenstufen 9 bis 10 (Lateinunterricht ab Schuljahr 9) teil; sie sollten sich mit dem Mythos von Dido und Aeneas vertraut machen und die Gefühle und Gedanken der beiden am Ende unglücklich Liebenden in digitaler Form – Video, Hörspiel, Podcast - umsetzen. Die Schülerinnen und Schüler haben so vielfältig und oft mit so ähnlich guter Qualität gearbeitet, dass drei zweite Plätze vergeben wurden.
Certamen iuvenile
In diesem Wettbewerb nehmen Schülerinnen und Schüler der Klassenstufen 9 bis 10 teil; sie sollten sich mit zwei Gedichten aus den „Amores“ des Ovid vertraut machen und den hier auftretenden Konflikt einer Frau, die ihren Mann der Untreue verdächtigt, der sich zunächst verteidigt, dann aber den Ehebruch mit derjenigen Sklavin, die seiner Frau die Haare frisiert, offen zugibt, in digitaler Form – Hörspiel, Video, Podcast, - umsetzen.
Certamen Graecum et Latinum
— für die Schüler der Schuljahrgänge 11 und 12
Nachdem in der ersten Runde (Übersetzung eines Textes aus dem Lateinischen) 154 Klausuren von 17 verschiedenen Schulen korrigiert worden waren, erreichten 102 Schülerinnen und Schüler die zweite Runde (wobei hier noch alle 17 Schulen im Rennen waren) – hier müssen sie eine Interpretations-Arbeit nach einem von sechs vorgegebenen Themen abliefern; diese Hausarbeit reichten dann 32 Schülerinnen und Schüler ein, die von 15 verschiedenen Schulen stammten. Die besten sieben aus dieser zweiten Runde erreichten dann die Endrunde.
Der erste Platz ging an Jette Pohl (Gymnasium „Georg Cantor“, Halle), die mit der Aufnahme in die Studienstiftung des deutschen Volkes e.V. belohnt wurde. Sie thematisierte in ihrem Vortrag zunächst die antiken Mischwesen der Kentauren und zeigte durch genaue Textanalyse, wie in diesen Mischwesen das wilde, von Affekten geleitete Tier mit dem rationalen Menschen vereinigt ist, dann erläuterte sie die heutigen Mischwesen, die genetisch geschaffen werden und dem Wohle der Menschen dienen sollen, indem menschliche Organe, die später transplantiert werden sollen, in Tieren wachsen; sie zeigte, wie in beiden Fällen Vorteile und Gefahren lauern.
Ebenfalls in die Studienstiftung aufgenommen wurde Lowis Undine Riech (Internationales Stiftungsgymnasium, Magdeburg): sie beschäftigte sich mit Wilhelm von Moerbeke, der den Aristoteles übersetzt hat – anhand von Stellen, die die Frage diskutieren, in welcher Form die unsterbliche Seele ewig weiterbesteht: Behält sie nach dem Tod des Körpers alle die Erfahrungen und Erlebnisse, die sie während des Lebens gemacht hat, bei, oder bleibt ewig nur der Teil, der einmal fähig war, alle diese Erfahrungen und Erlebnisse zu machen und zu haben? Dann erörterte sie die Frage, inwieweit der Übersetzer Moerbeke Einfluss auf die Gedanken des Philosophen Thomas von Aquin genommen habe.

Der Preis der Elisabeth-Lebek-Stiftung und damit der zweite Platz ging an Ashley Lindau (Gymnasium Martineum, Halberstadt): sie verglich C. Iulius Caesar mit dem amerikanischen Präsidenten Donald John Trump und untersuchte dabei die beiden Personen, ihren Werdegang, ihre Rhetorik und ihre Kontrahenten in einem stets anschaulichen Vergleich. Dabei konnte man sich wirklich die Frage stellen, ob Geschichte sich nicht in manchen Details doch wiederholen kann – und ob wir, trotz unserem Wissen und unseren Kenntnissen, nicht immer noch charismatischen Persönlichkeiten verfallen können.
Das Preisgeld der Elisabeth-Lebek-Stiftung ermöglicht ihr eine Studienfahrt nach Italien oder in eines der Länder, die einst zum Imperium Romanum gehörten.
Weitere wertvolle Reise- und Sachpreise gingen an Nathalie Drechsler (Werner-von-Siemens-Gymnasium, Magdeburg), Lennart Engel-Witte (Wilhelm-und-Alexander-von Humboldt-Gymnasium, Hettstedt), Bennet Hädrich Ökumenisches Domgymnasium, Magdeburg) sowie Noah Mewes (Werner-von-Siemens-Gymnasium, Magdeburg).
Wir möchten uns bei unseren Sponsoren – dem Freundeskreis der Franckeschen Stiftungen und der Elisabeth-Lebek-Stiftung Lebendiges Latein e.V. – ganz herzlich bedanken: ohne ihre großzügigen Geldgaben wäre dieser Wettbewerb nicht möglich.
Bedanken möchten wir uns auch bei allen Kolleginnen und Kollegen im Land Sachsen-Anhalt, die ihre Schülerinnen und Schüler bei der Teilnahme am Wettbewerb mit hohem Engagement unterstützt haben und damit ebenfalls zu einem guten Gelingen des Certamen Franckianum beigetragen haben.
Einen herzlichen Glückwunsch möchte ich allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern und deren Lehrerinnen und Lehrern aussprechen und für uns alle sagen: wir freuen uns auf ein Certamen tricesimum im nächsten Jahr - mögen die Götter es uns gewähren, dass unser Wettbewerb auch weiterhin viele Schülerinnen und Schüler zu außergewöhnlichen Leistungen motiviert, die uns allen Freude bereiten.
Stephan Mies
Halle, den 10. Juni 2025