Eine Reise unternehmen - irgendwo auf dem gesamten Gebiet des Imperium Romanum? Der Reisepreis der Elisabeth-Lebek-Stiftung, den ich im Finale des Certamen Carolinum 2023 gewonnen habe, ließ mir dafür sehr viele Möglichkeiten. Nach einigem Überlegen fiel die Wahl schließlich auf England, sodass ich mit einer Schulfreundin im September 2025 das Vereinigte Königreich erkundete und mich dabei auf die eine oder andere antike Spurensuche begab. Unsere Rundreise ab und bis Köln führte uns mit dem Zug vierzehn Tage lang in ganz unterschiedliche Städte, an Strände, Seen und Hügel sowie durch eine sehr reiche, vielfältige Geschichte. Veni, vidi, amavi - ich konnte so viel lernen, ausprobieren und erleben, dass ich eigentlich gar nicht mehr zurück wollte. An die Erinnerungen und die Umstände, die mir die Reise ermöglicht haben, werde ich noch lange zurückdenken!

Ich lade Sie ein, an meinen Reiseerfahrungen teilzuhaben und hier meinen gesamten Bericht zu lesen.

Aber beginnen wir am Anfang: Nach einer erfreulich entspannten Zugfahrt mit viel Lektüre über Britannien in der Antike und römische Spuren im heutigen England erreichten wir als erste Station Oxford, wo ich in aller Ruhe durch gigantische Bibliotheken stöbern und einige berühmte Colleges wie das Christ Church College besichtigen konnte. 

Glücklicherweise hatten einige Institutionen die "Oxford Open Days" - daher fand ich mich plötzlich in Speisesälen, Galerien und Lernräumen wieder, die sonst für die Öffentlichkeit nicht zugänglich sind. Als Physikstudentin durfte ich natürlich auch die Original-Tafel von Albert Einstein nicht verpassen. Um die vielen Wahlsprüche und Inschriften oder Titel mittelalterlicher Bücher zu entziffern, waren meine Lateinkenntnisse aber unverzichtbar! Beeindruckend fand ich, wie die doch recht kleine Stadt förmlich vor Wissen und Forschungsgeist sprühte - an jeder Ecke gibt es schmucke Uni-Gebäude, gut sortierte Fachbuchhandlungen oder Cafés voll mit Studierenden. Wenn ich noch keinen Studienplatz hätte... Ich war schon traurig, Oxford nach diesem traumhaften und viel zu kurzen Wochenende wieder verlassen zu müssen.

Allerdings wartete bereits der nächste Stopp auf uns: Liverpool! In der Stadt der Beatles waren wir leider nur an einem Montag zur Durchreise, so dass die Museen dieser lebhaften Stadt geschlossen waren. Bei typisch englischem Nieselregen ließen sich nichtsdestotrotz einige schöne Ecken entdecken: Abends genossen wir eine Pizza (nach original neapolitanischem Rezept) mit Blick auf die riverside und das Royal Albert Dock, die einiges über die Geschichte der Stadt erzählen und beleuchtet im Dunkeln einen besonderen Charme haben. Ebenfalls interessant: Die Kathedrale von Liverpool ist die größte Englands und wurde erst in den 1970er Jahren fertiggestellt. Aufgund der riesigen Dimensionen fühlte ich mich dort zuerst fast überwältigt, fand aber schnell Gefallen an der Weite des Raums und der vielen zeitgenössischen Kunst.

Nach so viel Stadt- und Kulturprogramm legten wir eine kleine Pause in der Natur ein und begaben uns auf den - selbst mit dem Zug angenehm unkomplizierten - Weg in das eher abgelegene Örtchen Windermere. Die malerische Landschaft des nördlichen Englands lässt sich im Lake District hervorragend erkunden. "Earth has not anything to show more fair", urteilte der romantische Dichter William Wordsworth über die Gegend - und ich möchte nicht widersprechen.

Rund um den Windermere-See liegen einige pittoreske Dörfer und zahlreiche Hügel mit guter, wenn auch etwas nebliger Aussicht auf die Landschaft. Auf den Wanderungen sind uns deutlich mehr Schafe als Menschen begegnet, sodass ich gut entschleunigen und die Gedanken schweifen lassen konnte.

Am Rande von Ambleside, das im Norden des Sees liegt und sogar einen kleinen Wasserfall hat, stießen wir auf ein römisches Kastell. die erhaltenen Fundamente ließen auf eine geräumige Anlage direkt am Seeufer schließen. Sie wurde wohl zur Be- und Überwachung von Handelsrouten genutzt und war von einer größeren Siedlung umgeben. In der Nähe wurden auch Badeanlagen und weitere Kastelle gefunden - der Lake District scheint also schon zu Hadrians Zeiten recht beliebt gewesen zu sein. Auch wenn die Distanz nach Rom recht weit ist, gab es bestimmt unangenehmere Einsatzorte für Legionäre!

Hinterher: Stärkung muss sein!

Nach der Hälfte der Reise erreichten wir Glasgow, unsere nördlichste Station. Obwohl es jenseits des Hadrianswalls liegt, konnten auch die alten Römer kurzzeitig so weit vordringen: Davon zeugt der Antoniuswall, der den Limes zwischenzeitlich bis nach Schottland verlegte. Das Projekt war nicht von langer Dauer und musste schon nach wenigen Jahrzehnten wieder aufgegeben werden, hat allerdings zahlreiche interessante Spuren und archäologische Fundstücke hinterlassen. Glasgow selbst verfügt heute dank seines wirtschaftlichen Aufstiegs in der industriellen Revolution über gut sortierte Museen - eines davon gibt sehr anschauliche Einblicke in das Leben im Grenzgebiet des Imperium Romanum -, prächtige Einkaufsstraßen und - mein Favorit - einen liebevoll gepflegten botanischen Garten, der auch im Herbst noch bunt blüht. Auch die Nähe zu Edingburgh mit seinem faszinierenden historischen Stadtkern inklusive LIve-Dudelsackmusik ist nicht zu unterschätzen!

Apropos Musik, die Abendgestaltung war wirklich abwechslungsreich: Zufälligerweise fand während unseres Aufenthalts ein Festival im Rahmen der 850-Jahr-Feier von Glasgow statt, sodass wir z.B. eine experimentelle Theaterperformance zur Stadtgründung geboten bekamen. Der schottische Akzent war gewöhnungsbedürftig, aber dank Wikipedia haben wir die Geschichte schlussendlich begriffen! In den Hostels auf der Reise lernten wir außerdem einige internationale Studierende kennen. Sie hatten nicht nur Geheimtipps für Ausflugsziele und/oder Bars mit Livemusik parat, oft kam es auch zu Gesprächen über unterschiedliche Erlebnisse und Kulturen - eine wirklich bereichernde Erfahrung.

Nach nur wenigen Tagen, aber schon mit detaillierten Plänen für die nächste Reise nach Edinburgh und in die Highlands ausgestattet, verließen wir Schottland wieder und erreichten Newcastle. Die Stadt zeichnet sich durch Sport und ihre wirklich beeindruckende Millenium Bridge aus, aber ich wollte etwas anderes sehen: die wohl bekannteste Grenze des Imperium Romanum.

Der Hadrian`s Wall Path verläuft malerisch am Flussufer und ist heute mit modernen Cafés gesäumt. Die Spuren des alten Limes sind außerhalb der Stadt trotzdem sichtbar: In einem Vorort mit dem wunderbar selbsterklärenden Namen Wallsend sind das östliche Ende des Hadrianswalls und die Überreste des angrenzenden Kastells zu sehen, am nahe gelegenen Bahnhof weisen sogar lateinische Aushänge den Weg.

Auch wenn die Steine am Boden recht unscheinbar wirken, lässt sich doch die Dimension der alten Anlage erahnen. Es fühlte sich unwirklich an, solche Orte aus Lateinbüchern in der Realität zu sehen - was einst eine gigantische Befestigungsanlage war, steht heute fast unscheinbar zwischen Reihenhäusern. Hier wirkt die Geschichte wirklich wie etwas Alltägliches!

Nach einigen schönen sonnigen Strandtagen mit Lesen und Möwen-Beobachten krönte ein Tag in Londinium unsere Reise: Ein Spaziergang entlang der Sehenswürdigkeiten, Brücken und Märkte durfte natürlich nicht fehlen, außerdem fanden wir Zeit für einen Abstecher in die Tate Modern. Zum Abschluss ließen wir uns noch einmal dichterisch in die Antike versetzen: William Shakespeares Troius & Cressida im Globe war eine äußerst unterhaltsame und dennoch tiefgründige Auseinandersetzung mit den Geschehnissen des trojanischen Krieges.

Nach zwei intensiven Wochen kehrten wir dann erschöpft, aber sehr erfüllt von den Erlebnissen nach Hause zurück. Mir werden die zahllosen schönen, spannenden und beeindruckenden Momente noch lange im Gedächtnis bleiben. Auch kann ich es kaum erwarten, England und das Vereinigte Königreich weiter zu erkunden und noch viele weitere Ecken des Imperium Romanum kennenzulernen. 

Ich bin der Elisabeth-Lebek-Stiftung sehr dankbar für die großzügige Unterstützung dieser Reise und wünsche den Gewinnerinnen und Gewinnern der kommenden Jahre ebenfalls viele beeindruckende spannende Erfahrungen!